Johanna


Mein Erfahrungen mit EMDR


Ich bin heute 43 Jahre alt, verheiratet, kinderlos und führe eine sehr positive Ehe, nachdem eine vorherige zwölfjährige Beziehung gescheitert war. Seit einigen Jahren arbeite ich als Verwaltungsangestellte und verbringe meine Freizeit gerne und so oft wie möglich mit sportlichen Aktivitäten.
Aufgewachsen bin ich in einer ländlichen Gegend am Niederrhein als behütetes Einzelkind und lebte dort mit den Eltern, Großeltern und meinem Onkel, dem Zwillingsbruder meiner Mutter, in einem Haus. Das familiäre Zusammenleben wurde durch die Krankheit des Onkels, der an Schizophrenie litt und so auf Grund von Verfolgungswahn und aggressivem Verhalten gegenüber den erwachsenen Familienmitgliedern ständig für Unruhe sorgte, getrübt. Ich besuchte schon die Grundschule, als die Probleme mit meinem Onkel immer größer wurden, wodurch auch der Alltag der Eltern und Großeltern immer mehr aus den Fugen geriet. Ich selbst musste wegen des an Schizophrenie Erkrankten jede Menge Einschränkungen hinnehmen - so musste ich mich möglichst ruhig verhalten, konnte selten Kinder aus dem Freundeskreis mit nach Hause bringen und wurde eher in den Hintergrund gedrängt, weil sich alles nur noch um den Onkel drehte. Mein Schlafzimmer befand sich genau über dem meines Onkels, so dass ich abends oftmals vor Angst bewegungslos in meinem Bett lag, um nur ja keine Geräusche zu verursachen, die ihn wecken könnten. Meine Eltern kamen mit den ständigen Belastungen nicht mehr klar, stritten nur noch und griffen auch vermehrt zum Alkohol. Trotz des ständigen Terrors zu Hause, besuchte ich das Gymnasium und meisterte den Alltag noch recht gut, obwohl die ganze Situation an meinen Nerven zerrte und mir wortwörtlich auf den Magen schlug. Als ich zwölf Jahre alt war, kam ich eines Tages aus der Schule und fand zu Hause eine weinende Mutter vor, die mir ohne Vorwarnung eröffnete, dass meine geliebte Oma in den Morgenstunden verstorben war. Dies war ein enormer Schock für mich, dennoch konnte mich aber niemand bei der Trauerarbeit, die dringend nötig gewesen wäre, unterstützen, da die ganze Familie neben ihrer eigenen Trauer auch weiterhin mit dem kranken Onkel zu kämpfen hatte. So wurde der schlimme Verlust der Oma, die für mich immer die wichtigste Bezugsperson war, da sie sich trotz der vielen Probleme zu Hause ständig um mich kümmerte,  kaum thematisiert. Ich kam zwar nie wirklich über den Tod der Großmutter hinweg, versuchte aber mit Rücksicht auf die anderen Familienmitglieder, die selbst genug Probleme hatten, das traumatische Erlebnis mit mir selbst auszumachen und es zu verdrängen so gut es ging. Die Auseinandersetzungen mit dem aggressiven Onkel eskalierten eines Tages, so dass mein Großvater ihn in die Psychiatrie  einweisen ließ und er fortan nicht mehr im Haus lebte. Dadurch kehrte so langsam wieder etwas Ruhe ein und alle schafften es so nach und nach wieder, einen normalen Alltag zu praktizieren. Ich selbst zog einige Jahre später nach erfolgreichem Schulabschluss nach Köln, wo ich ein Studium erfolgreich absolvierte. Nach Beendigung des Studiums lernte ich meinen damaligen Partner kennen, der nahe der holländischen Grenze lebte und zog zu ihm.
Doch diese Beziehung  brachte nach den Jahren in Köln, die für mich sehr positiv und ruhig waren, wieder nur unerträgliche Belastungen mit sich. Der Partner war selbständig und ich arbeitete für ihn und unterstützte ihn wo ich nur konnte. Doch durch kaufmännisches Unvermögen meines Partners rutschte das kleine Unternehmen in die Schuldenfalle ab, so dass er mir meine unzähligen Arbeitstunden, die manchmal bis tief in die Nacht reichten, nicht mehr annähern honorieren konnte. Daraufhin suchte ich mir andere Verdienstmöglichkeiten im kaufmännischen Bereich, half aber meinem Partner weiterhin. Tagsüber sorgte ich also für meinen eigenen Lebensunterhalt, abends arbeitete ich kostenlos für meinen Lebensgefährten, erledigte nebenher noch den gemeinsamen Haushalt und so arbeitete ich oft bis in die Nacht hinein. Dies führte zu erheblichen Überbelastungen, die sich durch aufkommende Panikattacken, vermehrte Zwangshandlungen und auch Kreislaufzusammenbrüchen, die dann im Krankenhaus endeten, äußerten. Meine Krankheitsphasen wurden immer häufiger, in denen ich aber vom Partner in keiner Weise unterstützt wurde und der vermehrte Alkoholkonsum kam nun auch noch dazu. Mit Hilfe des Alkohols versuchte ich die Panikattacken in den Griff zu bekommen und die ständigen Belastungen, die oft in Erschöpfungszuständen endeten und letztlich auch zu erhöhten Blutdruckwerten führten, zu kompensieren. Mein Gesundheitszustand wurde immer schlechter, ich nahm stark an Gewicht ab, obwohl ich bis dahin immer normalgewichtig war, trank weiterhin zu viel Alkohol, brach zusammen, landete wieder im Krankenhaus und schließlich in einer psychosomatischen Reha. Dort erholte ich mich wieder, schaffte letztlich auch die Trennung vom Partner, fand einen neuen Arbeitsplatz in einer Firma, in der ich mich sehr wohl fühlte und in der ich noch heute gerne arbeite. Diese drastische Wende fand im Jahr 2005 statt und ein Jahr später lernte ich schließlich meinen heutigen Ehepartner kennen, mit dem ich ein glückliches Zusammenleben führe. Die Situation hatte sich für mich also absolut zum Positiven gewandelt und alles wäre gut gewesen, wenn da nicht immer noch der vermeintliche „Freund" Alkohol gewesen wäre, auf den ich mittlerweile nicht mehr verzichten konnte. Mit ihm wurden immer noch die Panikattacken bekämpft, obwohl ich während der zwei Monate in der Reha ohne Probleme abstinent geblieben war, wenn auch notgedrungen. In der Reha hatte ich das Problem Alkohol gar nicht erst thematisiert, so dass auch niemand von meiner Sucht wusste. Ich hatte zu dem Zeitpunkt selbst auch noch gar nicht realisiert, dass ich längst vom Alkohol abhängig war.
Es dauerte noch bis 2008, bis ich endlich begriff, dass es so nicht mehr weiter gehen konnte und ich kurz davor war, alles Positive, das sich für mich in letzter Zeit ergeben hatte, aufs Spiel zu setzen. Doch dann ging es auch Schlag auf Schlag, ich nahm Kontakt zur Suchthilfeambulanz der Caritas auf, konsultierte meinen Arzt, informierte diesen über meine Alkoholsucht und bekam auf Antrag des Arztes vom Rentenversicherungsträger glücklicherweise kurzfristig eine ambulante Suchttherapie genehmigt. In der Therapie wurden schließlich die Panikattacken, ausgelöst durch die Geschehnisse der Vergangenheit, das durch den damaligen Tod meiner Oma entstandene und nie richtig verarbeitete Trauma, die Probleme mit dem früheren Lebensgefährten und andere Ereignisse, die ich immer verdrängt hatte, thematisiert und als Auslöser für die Alkoholsucht erkannt. Mein Therapeut schlug mir schließlich vor, ergänzend zur Suchtherapie mit der Traumatherapie EMDR zu beginnen, um das Verdrängte ans Tageslicht zu holen und zu verarbeiten. Ich nahm das Angebot an und begann mit der mir bis dahin völlig unbekannten Therapie, nachdem ich die nötigen Informationen zum Thema bekommen hatte. In den Sitzungen ging es immer wieder um die negativen Ereignisse, die ich in der Vergangenheit erlebt hatte, besonders auf den Verlust der Oma wurde immer wieder eingegangen und nach und nach zeigte sich mit Hilfe von EMDR, dass dies wohl das ausschlaggebende Ereignis in meinem Leben war, das am Ende meine Angsterkrankungen wesentlich gefördert hatte. Lange Verdrängtes brach durch die Traumabehandlung wieder hervor und konnte so aktiv verarbeitet werden. Im Laufe der Zeit wurden die Panikattacken so auch schwächer, ich lernte damit auch ohne Alkohol sicher umzugehen und ließ mich davon nicht mehr aus der Bahn werfen. Auf mich hatte die EMDR-Methode eine stabilisierende Wirkung - ich konnte die Belastungen der Vergangenheit und die daraus resultierende Angsterkrankung zwar nicht völlig ablegen aber ausschlaggebend war dabei der Lernprozess, den Ängsten mit Ruhe und Gelassenheit gegenüber zu treten, was mir auch heute noch ganz gut gelingt. Das ehemals zur Selbstmedikation eingesetzte "Beruhigungsmittel" Alkohol verlor so seine Bedeutung, da ich mich mittlerweile dank EMDR auf andere Weise zur Ruhe bringen konnte - dieser Prozess wurde durch häufige sportliche Aktivitäten, zu denen mir mein Therapeut ebenfalls riet, zusätzlich unterstützt. Nach Abschluss der EMDR-Therapie war ich schließlich in der Lage, die belastenden Situationen von damals als das zu sehen, was sie sind - als Vergangenheit. Aus heutiger Sicht sind diese Situationen, die ja aus meinem Leben nun mal nicht mehr auszulöschen sind, nicht mehr so belastend wie vor der Therapie, so dass die Gedanken an diese Erlebnisse mittlerweile auch nicht mehr in starken Panikattacken enden. Auf die Frage hin, inwieweit mir
EMDR geholfen hat, konnte ich somit meinem Therapeuten bestätigen, dass ich diese Therapie als für mich sehr erfolgreich betrachtet habe und mit ihrer Hilfe wieder ein Stück mehr Lebensqualität gewonnen habe. Seit August 2008 bin ich nun erfolgreich abstinent geblieben und gehöre tatsächlich zu den Menschen, die mit ihrem alkoholfreien Leben absolut glücklich sind und daran hat EMDR einen wesentlichen Anteil.